Landleut-Portrait: Hermann Miller

Landleut beschäftigt sich mit interessanten und spannenden Themen rund um das Leben auf dem Land, seinen Personen und deren Geschichten. Eggenfelden hat viele besondere Personen hervorgebracht. Künstler und Lebenskünstler, Unternehmer und Unternehmungslustige, vor allem aber Gutmenschen und Menschenfreunde.
In unserem ersten Teil erzählen wir über einen der bekanntesten Eggenfeldener:
Hermann Miller.

Landleut-Portrait: Hermann Miller

Eine Geschichte von Salzburger Nockerln, Likör und der weißen Fahne

Hermann Miller kennen fast alle Rottaler durch sein Wein- und Delikatessengeschäft Forster & Miller am Stadtplatz 7. Der heute 79-jährige, salomonisch-weißhaarig, hat viel erlebt.
Trotz vieler Schicksalsschläge ist er ein außerordentlich positiver, lebensbejahender und wissbegieriger Mensch geblieben. Wir haben uns mit ihm getroffen und ihn einfach aus seinem Leben erzählen lassen.

Hermann Miller ist in dem Haus am Stadtplatz, in dem er heute noch wohnt, 1936 zur Welt gekommen. Er wuchs in einer der schwierigsten Zeiten der deutschen Geschichte auf.
Als Hermann vier Jahre alt ist, verliert er seinen Vater. Beim Versuch den Fischerkahn ans andere Ufer zu bringen, kentert dieser und der Vater fällt ins Wasser. Die hohen Fischerstiefel des Familienvaters laufen voll und lassen dem, als guten Schwimmer bekannten, Unternehmer keine Überlebenschance. Er ertrinkt.
Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Deutschland bereits im Krieg und gerade diese Zeit wird das Leben und den späteren Beruf von Hermann Miller nachhaltig prägen.

„Mia ham was zu deischl’n g’habt“
Hermann und sein Kindheitsfreund Leopold Haberland aßen gerne Salzburger Nockerl. Und wenn die beiden fragten: „Wann gibt’s denn wieder mal Nockerl?“ hieß es von der Mutter: „Wenn ihr Eier heimbringt, dann gibt’s Nockerl“. Danach starteten die zwei los und tauschten Apfelsaftgutscheine gegen Eier ein. Belohnt wurden sie dann am Abend mit ihrer Leibspeise. Vielleicht war gerade diese Zeit auch der Grundstein für Hermann’s spätere Unternehmerlaufbahn. „Mia ham was zu deischl’n g’habt“, sagt er heute. Durch das Geschäft der Mutter gab es immer Lebensmittel, die man eintauschen konnte.
Die Miller’s arrangierten sich mit den Umständen und keiner musste hungern. Seine ältere Schwester arbeitete damals bereits in München und brachte am Wochenende Freunde und Kollegen mit aufs Land, damit diese „sich mal wieder richtig voll zu essen“ konnten. Damit die hungrigen Besucher auch unter Woche etwas hatten, gab ihnen Hermann’s Mutter auch immer selbst eingekochte Marmelade mit. Zu einer Zeit als Städte wie München oder Köln zerbombt waren, Menschen hungerten und die Not groß war, gab es auf dem Land immer etwas zu essen und eine Stadt wie Eggenfelden blieb von Kriegsschäden weitgehend verschont.

Die Nachkriegszeit, Likör und Apfelsaft
Kurz vor Kriegsende trifft die Millers jedoch ein weiterer Schicksalsschlag: der 18-jährige Bruder Sepperl fällt an der Front in Russland. Erfahren hat die Familie von Sepperl’s Tod aufgrund der Rücksendung eines Briefes der Mutter an den Sohn. Zu lesen war der Vermerk „Gefallen für Großdeutschland“. Das Kriegsende und die Besatzung durch die amerikanischen Truppen begann Anfang April 1945. In den nachfolgenden Wochen rückten die Amerikaner Richtung Süden vor und landeten am 1. Mai in Eggenfelden. Der damalige Eggenfeldener Bürgermeister Eder stand mit einer weißen Fahne am Axöder Berg, um eine Beschießung zu verhindern. Auf der Gegenseite erkannte man das Friedenszeichen schnell und die alliierten Truppen holten den Bürgermeister auf den ersten Panzer. Der Panzer fuhr dann mit Bürgermeister Eder im Schneidersitz und der weißen Fahne in seiner Rechten in Richtung Stadtplatz. Dieses Bild hat Hermann Miller bis heute nicht vergessen und symbolisiert für ihn das Ende des Krieges.

Gerne erinnert sich Hermann Miller an die „Liköranekdote.“
Noch während des Dritten Reiches kam eine Lieferung mit 20.000 Liter Likör nach Eggenfelden und wurde in der Kelterei Miller zur Abfüllung gelagert. Die Amerikaner sollten das feine Zeug natürlich nicht entdecken und Hermanns Mutter entschied, „der Schnaps muass weg und irgendwie varammt wern“. In einem langgezogenen Keller des Funktechnischen Labors (FTL), heute Sonnenburg AG, von Ernst Falkner von Sonnenburg wurden die Likörfässer hinter hunderten Apfelsaft-Gärballonen aus der Millerschen Kelterei versteckt. Obwohl die, ausgerechnet dort einquartierten, alliierten Soldaten aus Langeweile die Saftbehälter als Ziel für Schießübungen nutzten, wurde der Likör zum Glück nicht entdeckt. Während dieser Zeit war der gesamte Stadtplatz von den Besatzern zur Panzerwerkstatt umfunktioniert worden. Die Eggenfeldener durften den Stadtplatz nicht betreten und die Anwohner des Stadtzentrums konnten nur durch die Hintereingänge zu ihren Häusern gelangen. Nach Abzug der Besatzungstruppen gab Mutter Miller den Likör an den Landkreis ab und der damalige Landrat hat „ihn dann irgendwie weiterverschoben“.

Die damalige Konditorei und Wachszieherei Forster entwickelte sich in den Folgejahren hin zum Lebensmittel-, Süßwaren- und Weinhandel mit Gastronomie. Am Stadtplatz, in der heutigen Benetton-Filiale, befand sich zwischen 1950 und 1992 Lokal des Weinhauses Forster & Miller. 1975 trifft die Familie ein weiterer Schicksalsschlag. Hermanns zweiter Bruder, mit dem er bis zu diesem Zeitpunkt das Familiengeschäft betrieb, stirbt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Brüder das Familiengeschäft betrieben und zu einem erfolgreichen Rottaler Unternehmen ausgebaut. Hermann führt die Firma fortan allein weiter und konzentriert sich bis zur Verpachtung an den Burghausener Weinhändler Kollegen Albert Geith 2002 auf den Handel mit Wein und Delikatessen.

Wie es Hermann Miller, der Familie und dem Unternehmen weiter erging, erfahren sie im zweiten Teil des Portraits.

Dieser Eintrag wurde in Landleut gepostet.

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